Polarstern: Ökostrom, wirklich!

Polarstern: Ökostrom, wirklich!

Die wahren Geschichten Münchens erzählen die Menschen auf der Straße – präsentiert in Wort und Bild von Portraits of Munich


Ökostrom. Das Wort geistert überall rum, aber ich glaube, die wenigsten wissen wirklich, was dahintersteckt. Wie soll das funktionieren? Was ändert sich, wenn ich zu Ökostrom wechsle? Ich wollt es endlich richtig verstehen und hab mich mit einem Mitgründer von Polarstern getroffen: Simon Stadler. Polarstern ist mit sechs Jahren ein relativ junger Energieversorger, der nicht nur Ökostrom anbietet, sondern wirklich etwas bewegt.

Simon, Du hast eine Firma mit aufgebaut, die unter anderem Ökostrom anbietet. Auf der Website schreibt ihr, dass euer Strom zu 100% aus erneuerbaren Energien kommt bzw. ganz konkret aus deutscher Wasserkraft. Klingt ja mal ganz schön, aber um ehrlich zu sein, habe ich das Thema Ökostrom nicht ganz verstanden: Wenn ich den Strom aus meiner Steckdose zu Hause bekomme, dann ist das doch bei allen der gleiche Strom – er kommt doch für jeden aus dem gleichen Netz. Welchen Unterschied macht es denn, wenn ich jetzt bei euch Kunde bin?

Simon Polarstern

Das ist wirklich gar nicht so einfach zu erklären, weil das Thema schnell komplex wird, wenn man ins Detail geht. Deshalb hier eine kurze einfache Beschreibung, die ganz gut hilft, das zu verstehen:

Stell dir das Stromnetz vor wie einen See. In diesen Stromsee fließen Atomstrom, Kohlestrom und Strom aus erneuerbaren Quellen. Dieser Strommix kommt aus deiner Steckdose, denn eigene Leitungen für Ökostrom gibt es nicht. Aber: jedes Mal, wenn du mit unserem Ökostrom kochst, fernsiehst oder wäschst, produzieren wir ihn für dich und leiten ihn in den See. Je mehr Leute sich für sauberen Ökostrom entscheiden, desto sauberer wird der See. Und schmutzige Kraftwerke können vom Netz, weil den Strom keiner mehr haben will. Damit es schneller geht, investieren wir für jede Kilowattstunde Ökostrom, die du verbrauchst, 1 Cent zusätzlich in die Energiewende. So können wir sozusagen über die Nachfrage die Energiewende vorantreiben.

Danke für die Erklärung! Aber ist das wirklich alles?

Auf den Punkt gebracht, ist das genau das Prinzip, das dahintersteckt. Allerdings geht es bei der Energiewende, nicht nur um Ökostrom. Wir liefern unseren Kunden auch wirklich nachhaltiges Ökogas, denn drei Viertel des Gesamtenergieverbrauchs eines Haushalts gehen für Wärme drauf. Das wird oft unterschätzt und es gibt nur wenige 100 Prozent echte Ökogasangebote. Egal ob Ökostrom oder Ökogas, jeder sollte wissen, von welchem Unternehmen er seinen Ökostrom oder Ökogas bezieht und wem er dafür monatlich Geld überweist. Was macht der Anbieter sonst noch? Wie geht er mit mir als Kunde um? Wie geht er mit seinen Mitarbeitern oder Lieferanten um?

Dieses Ganzheitliche und Umfassende finde ich spannend. Gibt es noch weitere Beispiele, wie ihr eure Mission versteht?

Unsere Mission ist: Mit Energie die Welt zu verändern. Das packen wir nicht nur in Deutschland an, sondern weltweit. Deshalb helfen wir auch Familien in Entwicklungsländern bei ihrem Umstieg auf erneuerbare Energien. Jeder unserer Kunden in Deutschland unterstützt Familien in Kambodscha dabei, mit einer Mikro-Biogasanlage von den traditionellen umwelt- und gesundheitsschädlichen Methoden der Energiegewinnung, wie z. B. die Nutzung von Brennholz, wegzukommen. Das hat neben der sauberen Energie noch viele weitere Vorteile und es ist ein Teil unserer Arbeit, der uns wirklich am Herzen liegt. Wir sind also nicht einfach nur ein anderer Stromanbieter, sondern echte Überzeugungstäter. Und wenn jemand zu uns kommt, dann merkt er das schnell. Wirklich (lacht)!

Was bedeutet denn für dich ganz persönlich Nachhaltigkeit?

Aus meinem Geographiestudium heraus hat sich das Thema nach und nach in mein Leben „geschlichen“. Inzwischen hat es sich auf viele Lebensbereiche ausgedehnt: z. B. welche Lebensmittel ich kaufe. Dass ich versuche, auf Plastikverpackungen zu verzichten, bei welcher Bank ich bin und welche Klamotten ich für meine Kinder und mich kaufe. Und mein Fahrrad ist mein Lieblingsverkehrsmittel.

Dabei verbiege ich mich aber auch nicht. Denn mich nervt, dass das Thema Nachhaltigkeit oft so verbissen und mit Zeigefinger angegangen wird. Für mich muss sowas Spaß machen und aus der Überzeugung kommen. Da hilft der Zeigefinger wenig, sondern schreckt eher ab. Ich will lieber an Positives denken und nach vorne blicken. Und auch ab und zu mal eine Leberkassemmel essen. Es geht hier um Chancen und nicht darum, das Schlechte aufzuzeigen oder jemandem ein schlechtes Gewissen zu machen.

Milch in Flaschen kaufen und Fahrradfahren tun inzwischen ja schon viele. Ist das genug?

Ich denke, es würde schon viel bringen, wenn jeder Verbraucher konsequenter umsetzen würde, was er eigentlich gut findet. Es geht nicht darum, dass jeder alles perfekt macht. Aber es würde schon mal helfen, wenn sich mehr Leute damit auseinandersetzen, was sie durch ihren Konsum auslösen und unterstützen – oder eben nicht, und sie Dinge hinterfragen. Dann werden sie sich auch schnell die Frage stellen, ob es Sinn macht, Bio-Lebensmittel bei Aldi zu kaufen. Oder Ökostrom von einem Stromdiscounter?

Na, die meisten Leute nehmen wahrscheinlich den Ökostrom von Aldi lieber, weil er so günstig ist.

Ja, aber macht es Sinn „Ökostrom“ bei einem Diskounter zu kaufen, der sich sonst um das Thema Umweltschutz oder Nachhaltigkeit überhaupt nicht schert? Das ist das, was wir eben anders machen – bei uns stimmt das „Gesamtpaket“.

Seid ihr denn wirklich so viel teurer?

Nein, ich finde nicht. Es gibt günstige Anbieter mit denen wir nicht konkurrieren können und wollen. Abhängig davon, mit wem man sich vergleicht, ist die Differenz bei einer Familie mit zwei Kindern in München vielleicht 50 bis 80 EUR auf das ganze Jahr. Das hört sich jetzt nicht total wenig an, aber die Frage ist eher, für was man das Geld sonst ausgibt.

Wir leben in einer Welt, in der der Strom eine zentrale Rolle für uns spielt. Jeder kann das Gedankenspiel ja mal machen, was passiert, wenn dir morgen jemand den Strom abdreht. Da kommen dann so spannende Fragen wie: Was mache ich denn mit meinen Lebensmitteln im Sommer ohne Kühlschrank? Wie halte ich mein Smartphone in Gang? Und wer macht den Abwasch, wenn die Spülmaschine nicht mehr geht?

Aber wenn der Strom für uns alle so wichtig ist, warum interessiert es dann keinen, wie dieser Strom erzeugt wird?

Du steckst ja persönlich sehr viel in dieses Thema und hast auch einiges riskiert, um es voranzutreiben. Muss man ein Idealist sein, um das zu tun?

Ich weiß nicht, ob ich selbst ein Idealist bin. Ich bin auf keinen Fall ein naiver Weltverbesserer. Wenn aber Idealist bedeutet, dass man Dinge macht, von denen man überzeugt ist und dabei erstmal nicht darauf achtet, welche Belohnung einen erwartet, dann wahrscheinlich ja. Ich bin einfach zu tiefst davon überzeugt, dass wir mit Polarstern etwas bewegen können und meine Energie dort bestens investiert ist. Ich bin beruflich genau da, wo ich sein will: Ich kann genauso sein, wie ich sein will. Ich baue etwas Großartiges auf und kann zusammen mit meinem tollen Team etwas vorantreiben, was mir wirklich wichtig ist. Das macht einfach richtig Spaß!

Vielen Dank für das Gespräch und ich wünsche euch natürlich weiterhin viel Erfolg. Als letzte Frage dann noch: was sind deine Lieblingsorte in München?

Polarstern sitzt ja in der im Lindwurmhof an der Poccistraße und ich liebe den Viehhof. Der Biergarten, die Angebote und das ganze Gelände sind so untypisch München. Das mag ich. Ansonsten ist mein Lieblingsplatz auf meinem Rennrad…

Das ist doch mal ein Wort. Vielen lieben Dank und alles Gute!

Titelbild: © Federico Beccari via Unsplash