Podcast-Tipp: Die Kanackische Welle

Podcast-Tipp: Die Kanackische Welle

Schöne, weite Podcast-Welt — aber irgendwie oft sehr ähnlich, was da aus unseren Kopfhörern kommt. Deswegen hier ein Podcast-Tipp, der Themen mal aus einer anderen Perspektive beleuchten will: die Kanackische Welle. Die Münchner Journalisten Malcolm Ohanwe und Marcel Nadim Aburakia, beide mit palästinensischen Wurzeln, sprechen darin — entweder zu zweit oder mit Gästen — über Popkultur, Rassismus, religiöse Spannungen und das Dasein als Kanacke in Deutschland. Und bereichern damit die Podcast-Landkarte ganz elementar. Wir wollten im Gespräch mit den beiden wissen, wie sie ihre Themen finden, wen sie erreichen wollen und was da noch so kommt.  


Malcolm und Marcel, ihr beide macht die Kanackische Welle – worum genau geht es in eurem Podcast?

Malcolm: Am Anfang waren wir uns nicht so sicher, wie wir uns mit dem Podcast thematisch ausrichten wollen: sollte es nur um das Thema Palästina gehen, weil wir beide ja den gleichen Hintergrund haben? Von dem Gedanken haben wir uns aber ziemlich schnell verabschiedet. Vielmehr geht es in der Kanackischen Welle um Identitäten und Geschichten von Menschen, die auf Grund ihrer Herkunft, ihres Aussehen oder ihres Namens in unserer Gesellschaft anders behandelt werden.

Marcel: Wir besprechen Themen, die wir wichtig finden und aus unserer eigenen Lebensrealität kennen, die von den regulären Medien aber überhaupt nicht oder nicht genug aufgegriffen werden.

In einer Folge haben wir uns beispielsweise mit dem Thema „Sunken Place“ beschäftigt. Der Sunken Place ist kurz gesagt eine Phase im Leben, in der man sich seiner eigenen Identität oder seiner migrantischen Identität nicht sicher ist oder sie nicht wirklich ausleben kann, weil man einfach zur Mehrheit dazugehören will. Meine eigene Geschichte dazu ist, dass ich selbst weiß bin und man mir deshalb auf den ersten Blick nicht ansieht, dass ich einen migrantischen Hintergrund habe. Um dazuzugehören bin ich früher soweit gegangen, dass ich meine sehr lockigen Haare geglättet habe, einfach, weil alle in meiner Klasse einen Justin Bieber-Haarschnitt hatten. Aber das ist nur ein Beispiel für einen Sunken Place, bei vielen kann das noch viel weiter in Richtung Selbsthass oder Selbstablehnung gehen. Das war eine meiner Lieblingsfolgen, die auch sehr gut in der Community ankam.

Malcolm: Wir wollen mit dem Podcast auch die Message vermitteln, dass du deinen Duktus, deine Nationalität oder deinen Flavour behalten und trotzdem exzellente und intelligente Sachen machen kannst. Ich glaube, dass bei ganz vielen Menschen das Gefühl herrscht, dass man beides nicht zusammenbekommen kann – dass man das eine für das andere ablegen muss. Für uns ist das halt überhaupt nicht so. Du kannst deine migrantische Identität behalten, aber trotzdem politische Diskurse anstoßen oder dich mit gesellschaftlich-kulturellen oder wirtschaftlichen Themen beschäftigen – nur eben aus einem anderen Blickwinkel heraus.

Eine Folge, die mir zum Beispiel sehr viel Spaß gemacht hat, war die mit dem Schauspieler Hasan Akkouch, der unter anderem bei der Serie „4 Blocks“ gespielt und darüber gesprochen hat, wie schwierig es für ihn als Schauspieler ist.

Wie findet ihr eure Themen – hat das immer etwas mit eurer eigenen Lebensrealität zu tun oder kommen auch Vorschläge von euren Zuhörer*innen?

Malcolm: Wir bekommen ganz oft auch von unserer Community Themenvorschläge. Uns folgen sehr viele Frauen, deswegen werden oft feministische Themen vorgeschlagen. Zum Beispiel wie es ist, Kopftuchträgerin im Alltag zu sein. Das sind natürlich auch Sachen, die wir im Podcast besprechen wollen. Um großen Themen wie diesen gerecht zu werden, versuchen wir, jede Folge mit einer These zu hinterlegen und passende Gesprächspartner*innen zu finden.

Unabhängig ob umsetzbar oder nicht: Welche Themen würdet ihr zukünftig gerne besprechen? Und mit welchem Gast?

Marcel: Das Thema „Rassismus im Fußball“ fände ich mal sehr interessant. Leider ist es sehr schwierig in der Branche jemanden zu finden, der sich dazu klar positionieren möchte. Viele schweigen aufgrund von finanziellem Druck, wie Sponsoren und andere aus Angst vor den Auswirkungen. Als Gast wäre einer der beiden Boateng-Brüder schon sehr gut. Aber natürlich wäre jede BIPOC-Person (Anm. d. Red.: Term für Black/Indigenous/People of Color) aus der ersten Liga interessant.

Malcolm: Wen ich als Gast mal spannend fände wäre Nadja Benaissa, ehemalige Sängerin bei den No Angels, mit marokkanischen und serbischen Wurzeln. Sie ist eine der wenigen Menschen, die als HIV positiv geoutet ist. Ich fände es wahnsinnig spannend, mit ihr zu sprechen, auch weil sie sehr oft exotisiert wurde – nach dem Motto „diese schwarze Verführerin, die den Leuten nicht gesagt hat, dass sie HIV positiv ist“. Ich mag gerne vermeintlich vergessene Geschichte.

Ich fände es auch gut, wenn wir zukünftig mehr Menschen, die mehrfach diskriminiert und komplett unsichtbar in der Gesellschaft sind, sichtbarer machen könnten. Beispielsweise Leute, die schwarz und trans sind oder schwarz und mit einer Behinderung. In einem Einwanderungsland wie Deutschland gibt es diese Menschen, sie haben nur keine Lobby.

Wen wollt ihr mit der Kanackischen Welle erreichen?

Marcel: Wir erreichen aktuell viele Leute, die sich bei anderen Podcasts oft nicht abgeholt fühlen. Wir wollen aber auch noch mehr Menschen erreichen, die sich generell nicht unbedingt mit den Themen, die wir besprechen, auseinandersetzen.

Malcolm: Ich glaube, wir erreichen gerade sehr viele Bildungsaufsteiger, was cool ist, weil das auch unsere Geschichte ist. Aber ich würde auch gerne mehr Menschen erreichen, die aus bildungsfernen Haushalten kommen und nicht unbedingt den großen Sprung geschafft haben. Aber ich will auch keine Kompromisse bei der Komplexität der Themen eingehen.

Ihr macht euren Podcast aktuell neben euren eigentlichen Jobs. Wie kann man euch supporten, das ihr damit noch möglichst lange weitermacht?

Marcel: Wenn ihr Teil der Kanackischen Welle werden wollt, dann folgt uns auf Social Media, jeder Like zählt. Und wenn ihr noch ein oder zwei Euro übrig habt, dann unterstützt uns gerne auf Steadyhq.

Malcolm: Schreibt uns auch gerne Nachrichten mit eurem Feedback und auch eurer Kritik, davon lernen wir total viel und das motiviert uns. Ich freue mich auch immer sehr über lange Analysen. Das zeigt, dass sich die Leute echt Gedanken über die jeweilige Podcast-Folge gemacht haben.

Marcel: Uns persönlich geht es nicht darum, dass wir das Gemischte Hack 2.0 werden. Wenn die Zuhörer einfach offen dafür werden, dass wir in einer bunten Gesellschaft leben und sie vielleicht auch viel mehr ihre eigene Lebensrealität zulassen, dann bin ich eigentlich schon zufrieden.

Verliert doch noch einmal ein paar Worte zu euren aktuellen Projekten!

Malcolm: Wir haben vor kurzen erst beim Reeperbahn Festival in Hamburg zwei Live-Podcasts aufgezeichnet. Zum einen ging es um Women of Color in deutscher Popmusik. Mit uns auf der Bühne waren die Schwarze Sängerin Preach, die kurdische Rapperin Ebow und die Musikjournalistin Miriam Davoudvandi. Es war ein sehr tolles Gespräch und wird eine noch bessere Folge!

Marcel: Außerdem haben wir einen Teil zwei zu unserer Folge zu Selbstablehnung aufgenommen, die exklusiv für unsere Steady-Supporter*innen erhältlich sein wird und wir haben momentan eine hitzige Folge draußen über Klima-Aktivismus in Deutschland und wie inklusiv er gegenüber nichtweißen Menschen er momentan ist.


Alle Folgen der Kanackischen Welle findet ihr hier oder auch auf Spotify. Mitdiskutieren und Nachrichten schreiben könnte ihr beispielsweise über den Insta-Kanal der Welle oder auch über Twitter.

Wer über Malcolm und Marcel mehr erfahren will, Insta (Malcolm und Marcel) und Twitter (Malcolm und Marcel) gibt es von den beiden auch direkt.