Plastikfrei leben

Plastikfrei leben

Die wahren Geschichten Münchens erzählen die Menschen auf der Straße – präsentiert in Wort und Bild von Portraits of Munich.


Annliese Bunk lebt besser ohne Plastik. Das heisst, sie verzichtet im Alltag so viel wie möglich auf Plastik: sie kauft nur noch Sachen ohne Plastik-Verpackungen, bei ihr gibt es keine Kosmetika mit Microplastik und vieles mehr. Wir haben die Münchner Buchautorin im Café Kaffeeküche getroffen, mit ihr einen Kaffee ohne Strohhalm (!) genossen und mit ihr darüber geredet, wie es sich denn lebt jeden Tag – ohne Plastik.

Zuerst einmal: Wie bist du denn darauf gekommen, plastikfrei zu leben?

Es hat damit angefangen, als wir mal Weihnachten zu Hause waren und für 2 Wochen den Plastikmüll gesammelt haben. Ich war einfach nur schockiert, wie viel sich da in so kurzer Zeit angesammelt hatte. Daraufhin habe ich ein wenig recherchiert und bin auf den Film Plastic Planet gestoßen. Es hat mich einfach nur geschockt, dass das ganze Wissen eigentlich schon da ist und keiner was tut. Da hab ich mich an die Arbeit gemacht.

Was heisst das, an die Arbeit gemacht?

Ich habe nach und nach unseren eigenen Haushalt auf „plastikfrei“ umgestellt. Über die letzten 3,5 Jahren haben wir versucht, nach und nach unseren Plastikkonsum nach und nach zuhause zu reduzieren . Wir gehen nicht mehr jede Woche zum Plastik-Container, wie die meisten, sondern eben vielleicht einmal im Jahr mit einer kleinen Tüte.

Klingt ja echt spannend. Wie kann man sich denn einen Haushalt ohne Plastik vorstellen?

Eigentlich ist es ganz einfach: Wir versuchen nichts mehr zu kaufen, was aus Plastik selber ist oder in Plastik eingepackt ist. Weder Lebensmittel noch Kosmetika, Kleidung, Haushaltsgegenstände. Das ist bei einigen Dinge gar nicht so einfach, und auch bei uns hat es eine Weile gedauert. Aber inzwischen ist es schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir es uns gar nicht mehr anders vorstellen könnten. Genauso vermeide ich natürlich alles, wo Mikroplastik drin ist. Generationen vor uns haben sich mit der guten alten Hausseife schon gewaschen und beim Shampoo ist es auch nur reine Gewöhnungssache, die Haare mit einer speziellen Haarseife zu waschen, die in Papier eingepackt verkauft wird. Wir haben also alles nach und nach umgestellt. Aber dabei ist es ja nicht geblieben. Wir haben inzwischen unser Leben wirklich geändert nach all den Jahren und es ist zu einer echten Philosophie geworden, die sich auch auf viele weitere Dinge in unserem Leben ausgebreitet hat.

Auf welche Bereiche denn noch?

Es geht nicht nur um „plastikfreies Leben“, sondern um wirklich bewussten Konsum und ehrliche Nachhaltigkeit. Wir essen zum Beispiel nur noch Gemüse, das in der Saison wächst und dann auch nur regional. Im Winter also nur Saison-Gemüse und die Erdbeeren halt erst, wenn sie hier in Deutschland auch reif sind. Dann schmecken sie auch wenigstens. Alles in allem kaufen wir einfach insgesamt viel weniger und viel bewusster ein. Dieser ganze Stress, ständig was kaufen zu müssen ist einfach weg. Dafür besorgen wir uns die meisten Sachen einfach in größeren Mengen oder machen sie selber.

Selber machen, umstellen, anders einkaufen … Das alles klingt total anstrengend.

Eigentlich ist es gar nicht so anstrengend, denn keiner muss es ja sofort und alles auf einmal tun. Auch wir haben sukzessive umgestellt. Es geht eher darum, einfach mal anzufangen und wenn jeder seinen Beitrag dazu leistet, dann kann man schon viel bewegen.

Aber jetzt mal so ganz konkret. Wie könnte denn jeder heute damit anfangen, Plastik zu sparen.

Ok. Ganz konkret hier ein paar Beispiele:
1. Beim Einkaufen darauf achten, keine Plastikverpackungen zu nehmen sondern z.B. Papierverpackungen.
Auch in den normalen Supermärkten, aber vor allem in den Bio-Märkten können immer mehr die Grundnahrungsmitteln in Papierverpackungen oder ähnlichem gekauft werden. Das fängt bei Nudeln, Reis, Haferflocken und anderen trockenen Grundnahrungsmitteln an und hört bei Getränken auf.
2. Lieber Leitungswasser statt Plastikflaschen
Unser Leitungswasser wird viel besser kontrolliert als Mineralwasser und schmeckt auch nicht nach Plastik. Warum also etwas kaufen, was wir aus der Leitung haben können? Und wer doch lieber Mineralwasser möchte – weil zum Beispiel im Haus die Leitungen nicht ok sind – dann halt das Mineralwasser in Glasflaschen. Und wem die zu schwer sind, der kann ja einen Lieferservice beauftragen.
3. Milchprodukte in Glasflaschen
Die meisten Milchprodukte kann man wieder in Gläsern kaufen: Jogurt, Milch, Schlagsahne und so weiter. Auch hier sind viele Lieferservices eine gute Hilfe beim Tragen. Aber auch bei Butter kann man umsteigen auf alternative Verpackungen, denn es gibt wieder Butter in Papier eingewickelt.
4. Obst lieber lose statt in Plastik verpackt
Obst, Gemüse und Brot können ohne Probleme unverpackt gekauft werden oder in kleinen selbstmitgebrachten Beuteln eingepackt werden. Man kann ohne Probleme auf die Plastiktüten komplett verzichten und ganz leichte Baumwolltaschen nehmen – z.B. von naturtaschen.de
5. Wurst und Käse einfach in der eigenen Dose mitnehmen
Genauso kann jeder beim Einkaufen mit Edelstahldosen Wurst und Käse einpacken lassen. Die Supermärkte sperren sich manchmal ein bisschen, aber meistens sind sie schnell zu überzeugen. Wichtig ist: die Verkäufer dürfen die Dose nicht hinter die Theke tun, aber ihr könnt die Dosen auf den Tresen stellen und die Verkäufer können die Wurst und Käse einfach direkt in die Dose legen.
6. Lieber Seife und Haarseife statt Duschgel und Shampoo
Seife und Shampoo können ganz einfach ersetzt werden durch Seifen. Hierzu gibt es viele Anbieter inzwischen und sogar mein Mann, der sich immer dagegen gesperrt hat, ist jetzt begeistert von seiner Haar-Seife.

Gibt es denn irgendwas, wo es euch besonders schwerfällt, auf Plastik zu verzichten?

Meine Kinder finden es sehr schade, dass es Chips nur in Plastikverpackung zu kaufen gibt. Man kann sie selber machen, aber die schmecken einfach nicht so gut. Und den echten Cheddar für meinen Mann müssen wir noch in Plastik kaufen, weil es den nur so gibt. Sonst würde er sich wohl von mir trennen.

Eigentlich hat doch jetzt keiner mehr eine Ausrede, nicht gleich anzufangen, oder?

Das möchte man meinen. Jeder weiss ja, was auf dem Spiel steht global, aber ich denke, es ist auch eine Entscheidung auf ganz persönlicher Ebene. Aber ich habe auch so viele Ideen schon gesammelt, wie das jeder machen könnte. Diese Tipps und Tricks habe ich in dem Buch „Besser Leben ohne Plastik“ mit der Bloggerin Nadine Schubert veröffentlicht. Zudem hab ich viel recherchiert, mit welchen Dingen man nachhaltig etwas bewegen kann und habe dann die naturtaschen entwickelt: das sind ultraleichte Stofftaschen für den Einkauf von Obst, Gemüse, Brot und ähnlichen. Es gibt inzwischen so viele Möglichkeiten und mit diesen Tipps an der Hand ist wirklich jeder dran.

Lass uns zum Abschluss noch ein Spiel spielen: du bist jetzt Bundeskanzlerin und darfst etwas verändern. Was würdest du anordnen?

Als erstes Mal müssten wir Mikroplastik verbieten. Einige Länder wie England und Neuseeland haben das doch auch schon getan. So würde die Industrie wenigstens dazu gezwungen werden, das auf Erdöl basierende Mikroplastik wieder weg zu lassen nur weil es billiger ist. Dann würde ich Einweg-Geschirr verbieten. Es gibt ja schöne Ideen, wie es auch anders gelöst werden könnte.
Zudem würde ich mehr Forschungsgelder für die Gesundheitsstudien freimachen, damit endlich geklärt wird, wie schwerwiegend die Probleme wirklich sind. Und ich würde eine Kennzeichnungspflicht bei Plastikverpackungen einführen, ähnlich wie bei den Zigaretten. A la „Plastik gefährdet ihre Gesundheit“.

Vielen lieben Dank für das tolle Gespräch und die Tipps.

Kurzer persönlicher Exkurs:
Meinen Haushalt habe ich schon in einigen Bereichen vor dem Interview umgestellt: zum Beispiel bei uns gibt es schon länger nur noch Milch und Jogurt im Glas, die Wurst kaufen wir immer häufiger in der mitgebrachten Dose und ich habe einige Kochlöffel nach und nach mit Holzlöffeln ersetzt. Durch das Interview allerdings mal wieder angestachelt, bin ich tatsächlich losgezogen und habe im Ohne Laden in Schwabing mal so eine Shampoo-Seife gekauft und bin bis jetzt echt begeistert. Auch wenn es am Anfang ungewohnt ist, nach einer Seife zu greifen statt nach einer Tube: es schäumt genauso wie bisher, es riecht sogar viel besser und meine Haare sehen richtig schön aus. Und sie hält bisher echt ewig!

Titelbild: © Markus Spiske / Unsplash