Ein kleines schwarzlackiertes Wunder – Augen auf! bei der Münchner Leica-Ausstellung

Ein kleines schwarzlackiertes Wunder – Augen auf! bei der Münchner Leica-Ausstellung

+++ Achtung: Letzter Ausstellungstag! +++

Diese Ausstellung im Kunstfoyer zieht ein großes Publikum an: 100 Jahre Leica Fotografie. Eine Reise durch die Geschichte der Fotografie, mit Bildern, die die Titelseiten großer internationaler Tageszeitungen schmückten. Sie beginnt mit einer Nachzeichnung des Mythos, in Form einer langen Erklärung an der Wand, vor der sich bereits eine Traube gebildet hat. Da sind das ältere Ehepaar, das auf den ersten Blick ihre Begeisterung für Kultur erkennen lässt, der junge Student mit Bart und Nerd-Brille und die Mutter mit ihrer blonden Dreieinhalbjährigen samt Freundin im Schlepptau.

Am Anfang aber steht die Ur-Leica von 1914, die Großmutter aller heutigen Kleinbildkameras, die unscheinbar in Schwarz und Gold aus einer Glasvitrine hervor blitzt. Oskar Barnack, dem Erfinder der Leica (= Leitz + Camera), gelang mit der Ur-Leica ein Geniestreich. Als Feinmechaniker hatte er bei Ernst Leitz in Wetzlar experimentiert und die handliche Reportagenkamera erfunden, die schwere Plattenkameras ablöste. Die erste Leica kam allerdings erst 1925 auf den Markt, schon damals kostet sie das kleine Vermögen von 400 Reichsmark. Auch wenn sich die Währung seitdem einige Male geändert hat: die Preise für eine Leica sind bis heute gleich hoch geblieben.

Die Ur-Leica war nicht nur eine technische Meisterleistung. Ihre kulturelle Bedeutung zeigt sich erst anhand der zahlreichen Fotos, die in der Ausstellung zu sehen sind. Denn das schnelle, unkomplizierte Fotografieren mit der Leica prägte die Sicht aufs 20. Jahrhundert: Die Leica wurde zum Auge der Welt, ohne sie gäbe es die moderne Reportagenfotografie nicht.

Die großen Augenblicke der Geschichte – sie wurden oftmals mit der Leica festgehalten. Dabei kam es nicht unbedingt drauf an, dass die Aufnahmen technisch perfekt waren. Alberto Kordas Porträt von Che Guevara aus dem Jahr 1960 ist eine ziemlich körnige Ausschnittsvergrößerung. Und dennoch wurde der Schnappschuss, den Korda mit seiner M2 während einer Trauerfeier machte, millionenfach nachgedruckt. Es ist inzwischen mehr als eine Aufnahme – es ist das Sinnbild des Revolutionärs schlechthin. Da stört es auch nicht sonderlich, dass die meisten Negative auf dem ausgestellten Filmstreifen überbelichtet sind.
Ikonenhaft auch Alfred Eisenstaedts Foto vom 14. August 1945, dem Tag der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg: Ein Matrose küsst seine Liebste auf dem New Yorker Times Square. Oder auch Nick Uts Aufnahme des nackten Mädchens, das vor Napalmbomben in Vietnam flüchtet.

Durch weltberühmte Fotografen wie René Burri, Henri Cartier-Bresson und Sebastiao Salgado ist die Leica aus dem hessischen Wetzlar zur Legende geworden. „Geschichte kann man schreiben – oder fotografieren“ und „Momentaufnahmen für die Ewigkeit“, so beschreibt Leica selbst die Jubiläumsausstellung.

Hier und da wünschte man sich eine kurze Erklärung zu den Fotografien. Abgesehen von Titel, Fotograf und Entstehungsjahr bleiben die Bilder unkommentiert, solange man nicht bei einer der öffentlichen Kuratoren-Führungen mit Hans-Michael Koetzle dabei sein kann (u.a. heute, 29. Mai jeweils 12.00 Uhr und 17.00 Uhr). Dennoch sprechen die Bilder für sich, ansonsten bleibt noch eine ausgiebige Recherche vor dem heimischen Computer oder der Katalog. 100 Jahre Leica ist viel mehr als eine Marketing-Schau. Die vielen Schwarzweißfotos rufen in Erinnerung, welche emotionale Wucht der klassischen Fotografie mit ihren sorgfältig gerahmten Abzügen innewohnt – auch noch im Flickr-Zeitalter, in dem Abermilliarden Selfies und Urlaubsbilder im Netz kursieren.

Wer nach dieser Ausstellung nicht Lust aufs Fotografieren bekommt, hat eine trübe Linse. Diese Ausstellung ist für alle: egal ob Laie, Hobbyknipser oder Vollprofi. Unbedingt reingehen! Die Leica-Ausstellung ist noch bis 5. Juni im Kunstfoyer, täglich von 9 bis 19 Uhr, zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Zeitreise durch Fotografie-Stile

Die Ausstellung ist insgesamt chronologisch aufgebaut. Sie führt den Besucher von den ersten Ur-Fotografien von Barnack bis hin zu den abstoßenden Frauen-Portraits von Bruce Gilden, die wohl perfekt dafür geeignet wären, Jugendliche von Alkohol, Zigaretten und synthetischen Drogen fern zu halten. Die Leica-Ausstellung führt durch Foto-Epochen und künstlerischen Stilen, sodass man nicht immer den Überblick behält. Am besten, einfach durch die einzelnen Ausstellungsräume schlendern und sich von den größtenteils Schwarz-weiß-Aufnahmen treiben lassen.

Alle Infos zum Leica-Jubiläumsjahr


Augen Auf! 100 Jahre Leica Fotografie
Noch bis 5. Juni 2016
Täglich 9:00 – 19:00 Uhr
Eintritt frei

Titelbild: © Christer Strömholm Estate, 2016 / Kunstfoyer